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November 27 2011

kamuema
8103 bd78 500
La Fontaine à Géneve en mai 2011

September 26 2011

kamuema

Prenzlberg vor der Gentrifizierung

Wir fuhren die Schönhauser Allee entlang zum Prenzlauer Berg. Die Wohnung lag in der Kopenhagener Straße, Hinterhof, dritter Stock. Alle Briefkästen waren aufgebogen, und im Hausflur mußte man auf Bodenschwellen achtgeben. (…) Der Boiler funktionierte nicht, ebensowenig der Kohleofen oder die Stehlampe. Es war genau so, wie wir’s im Westen immer erzählt bekommen hatten. Brauner Linoleumboden und feuchte Wände, von denen sich die Tapeten lösten.

Ein Zimmer, Küche, Bad. Kein Telefon. Kein Fernseher. Ein uraltes Radio. Im Schrank eine zweibändige Ernst-Thälmann-Biographie. Thorsten warnte mich vor der Gegend. Siebzig Prozent Knastis, angeblich.

(Helmut Krausser: Die Würde in der Auswahl der vorletzten Worte, 1991, aus: Die Zerstörung der europäischen Städte)
kamuema
9760 a78d 500
... und das alles nur fürs Vorankommen.
Lausanne 2011
kamuema

Nachwendewehmut anno 1990

Kurz vor Silvester traf ich die erste Marxistin. Sie war knapp zwanzig und sehr tröstungsbedürftig, heulte mir einen Abend lang die Ohren voll, weil ihre armen Eltern, beide Parteifunktionäre, jetzt gehaßt und getriezt und angepöbelt wurden und Papa einen Herzfehler hatte und Mama sich nicht mehr traute, einkaufen zu gehen.

Das war traurig, auch im Bett. Alles war voller Wehmut.

Wehmut an den Wänden, in den Gesichtern, zwischen den Beinen. Morgens um elf versuchte einer bei mir einzubrechen. Ich machte dem Kerl die Türe auf und sagte, es sei nichts da, was sich zu rauben lohne. Er sah mich an, in der Hocke, mit dem Draht in der Hand – und auch er war voll Wehmut.

(Helmut Krausser: Die Würde in der Auswahl der vorletzten Worte, 1991, aus: Die Zerstörung der europäischen Städte)

kamuema
9664 cb7e 500
vieille cité
kamuema

"Frühere Leben" oder: "Die dostojewskische Zärtlichkeit deutscher Absturzkneipen"

Der Arzt behielt einen kühl-wissenschaftlichen Kopf, er packte mich, hielt mich ans Licht; das zarte Fell schimmerte naß und schwarz, meine Augen waren blind. „DAS IST EINE SENSATION!“ brüllte der Arzt. „EINE SENSATION!“ Er schwenkte mich in der Luft, daß ich hätte kotzen können; die Krankenschwester schrie spitz und grell, und meine Mutter war weggetreten. Eine Tür schwang auf, mein Vater stürmte in den Kreißsaal, „WAS IST ES? WAS IST ES?“ rief er, und der Arzt brüllt begeistert: „EINE RATTE! EINE RATTE!“, und mein Vater verstand nicht. (…)

Aber davor war ich eine provencalische Fischersfrau gewesen, mit vierzehn Bälgern, von denen glücklicherweise neun starben, sonst hätt’ ich mir mich nicht leisten können, und davor ein Biedermeierlandschaftsmaler und davor ... warum das alles auflisten? Mein prominentestes Ich war Udalricus von Kreitwys – wer kennt den heut schon noch? Ich deflorierte die Cousine Jeanne d’Arcs und befand mich auch sonst in Sichtkontakt mit der Geschichte, sah Karl den Großen von weitem und lag vor Troja als Koch einer Bogenschützenstaffel; ich bin der eine Höhlenmensch gewesen, dem dieser andere Höhlenmensch die Idee von der Säge geklaut hat – ist inzwischen nicht mehr so wichtig, bin ich drüber weg, gab viel Tragischeres in den hunderttausend Hundeleben; war wenig Zeit, das alles zu würdigen, so von zehn Uhr zwanzig bis fünf vor eins, mit dem hätzenden Dämon am Arsch, der einem die harten Momente noch mal reinpreßt, unerbittlich. Ich war der gebildetste aller Flugsaurier, damals als der Meteor einschlug, Schwamm drüber, über das ganze Viehzeug und die Blümchen und die Farne und mein Dasein als bisexuelle Amöbe ... Echt sibirisch das, die Reihe durch, déjà vu, déjà vu … plumpes Chaos, versprengter Staub.

Und dann, ich war mit dem Dämon längst auf Du, kurz vor dem Urknall, (...) kurz vor der massiven Aussöhnung mit allem, kurz vorm möglichen Neubeginn, kurz vor der Kartharsis, kurz vor halb zwei … schwappt eine humanoide Lebensform namens Britta neben mir an die Theke, umarmt mich, reißt meine Träume in Fetzen, schmatzt mir unbestellte Küsse auf. „GIBST EINEN AUS?“

(…)

Eingeurnt in katzengraue Tage – da klammert man, krallt sich fest an der wehenden Mähne der Nacht; mein Dämon, Taschendämon mit Pferdemaske, irisierender Kauz, galoppiert den Tresen entlang in ein Morgen aus Aspirin und Amnesie … Aber das Leben in Deutschlands Absturzkneipen kann von dostojewskischer Zärtlichkeit sein.

(Helmut Krausser: Rekontraktach, 1991, aus: Die Zerstörung der europäischen Städte)
kamuema
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Génève 2011
kamuema
9297 4d86 500
Schattenfrau
kamuema
Damals schien es, als könnte das Leben immer so weitergehen, immerfort, bis ich einmal so alt sein würde wie jener weißbärtige Greis, mit dem in der Statisterie alle Mitleid hatten, der nur noch liegende oder sitzende Rollen übernehmen durfte, der im Fidelio der Gefangene neben mir war, der mir sagte, er möchte nach seinem Tod gern ausgestopft und als Staffage verwendet werden, kein Grab könne beglückender sein als die Musik. Das hat mich tief beeindruckt.

(Helmut Krausser: Kuppelgeschoß, 1993, aus: Die Zerstörung der europäischen Städte)

September 22 2011

kamuema
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September 19 2011

kamuema
kamuema
kamuema
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kamuema

Wenn Frauen unergründlich erscheinen, dann liegt es am fehlenden Tiefgang der Männer.

— Katharine Hepburn
kamuema
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Folklore 2011
kamuema
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Folklore 2011 "Ein Bassist, der singen kann... Respekt!"
kamuema
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Folklore 2011 "Und sie waren glücklich bis an das Festivalende"
Reposted bySixtus Sixtus
kamuema
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Folklore 2011
kamuema
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Folklore 2011
kamuema
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Folklore 2011
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